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LÖWE

Hauptfiguren:

Noch bevor "Löwe" am 1. Oktober erscheint, kannst du dich hier schon in die ersten Seiten verlieben - kostenlos und ganz ohne Anmeldung.

Arthur & Hannah

Ein Schauspieler im Ruhestand und eine Praktikantin, die Angst hat, gesehen zu werden.

Richard & Helene

Nach der Pensionierung droht ihre Ehe zu erstarren, bis eine mutige Entscheidung alles verändert.

Nancy

Ihr Leben ist perfekt organisiert - nur sie hat sich darin verloren.

Fiona

Ihre Bilder sind genial. Ihre Angst ausgelacht zu werden, ist aber größer. 

Leseprobe:
Die Geschichte von ARTHUR & HANNAH

Archiv der verlorenen Worte
Kapitel 1 - Neuland

Es gibt einen Moment am Morgen, kurz bevor das Licht im Archiv angeht, in dem ich mir einrede, dass ich diesen Ort freiwillig gewählt habe. Dass ich hier unten bin, weil ich es so will, und nicht, weil oben irgendwann keiner mehr auf mich gewartet hat. Ich stehe im Halbdunkel an der Treppe und atme den Geruch von altem Papier und Leim ein, und ich denke, wie ich es jeden Morgen denke: Hier unten ist die Welt geduldig. Sie stellt keine Fragen.

Ich greife zum Schalter. Ein leises Klacken, dann flutet das warme Gelb der Schreibtischlampe den Raum. Das Archiv ist kein Raum aus einer anderen Zeit, die Zeit ist hier einfach nur geblieben. Zwischen den Regalen stapeln sich Kisten, halb geöffnete Mappen liegen auf den Tischen, nichts wirkt wirklich aufgeräumt, und doch hat alles seinen Platz. Einen Platz, den nur ich kenne. Die Neonröhren an der Decke lasse ich aus, sie sind mir zu grell für die alten Plakate an den Wänden, und jedes dieser Plakate ist ein Gesicht aus meiner Vergangenheit, ein Zeuge von Abenden, an denen ich alles gab.

Ich hänge mein Sakko über den stummen Diener neben der Tür, sorgfältig, wie jeden Morgen. Das tiefblaue Modell aus schwerem Zwirn war ein Geschenk meiner Elena, vor mehr als zehn Jahren. Arthur, hatte sie damals gesagt und mir den Kragen glattgestrichen: Ein Mann deiner Statur braucht Kleidung, die mit ihm spricht, nicht über ihn. Sie fehlt mir an jedem einzelnen Tag, aber in diesem Sakko spüre ich ihre Hand noch immer ganz leicht auf meiner Schulter liegen. Ich streiche kurz über den Stoff des Ärmels, vergewissere mich, dass keine Fluse den Anstand stört, und atme tief durch.

Auf dem Weg zu meinem Schreibtisch rücke ich eine der Schneiderpuppen in der Ecke zurecht. Sie trägt ein schweres Brokatkostüm aus einer Inszenierung von 1969, der Stoff ist steif von den Jahren im Fundus, doch wenn das Licht in einem bestimmten Winkel darauf fällt, schimmert er noch immer. Ich erinnere mich an das Gewicht dieses Mantels auf meinen Schultern, an den Schweiß unter der Perücke, an das Gefühl, wenn sich der Vorhang teilte. Ich halte kurz inne, dann gehe ich weiter zu meinem Platz.

Während der Wasserkocher zu rauschen beginnt, ordne ich meine Gedanken. Dieses leise Geräusch ist das erste Zeichen, dass der Tag erwacht, und Ordnung gibt mir Halt, seitdem die großen Rollen und der Applaus der Vergangenheit angehören.

Kurz nach neun Uhr fällt oben die schwere Eingangstür des Theaters ins Schloss. Hastige Schritte eilen die Steintreppe hinunter, ganz anders als meine eigenen bedächtigen Tritte. Dann geht die Tür auf.

„Guten Morgen … Herr Böhmke.“

Die Stimme ist kaum mehr als ein Hauch, ein unsicheres Flattern in der Stille meines Reiches. Ich muss mich nicht umdrehen, um zu wissen, wer dort steht. Hannah. Sie hat sich hier im Theater als Praktikantin beworben, und offenbar hielt man es nicht für nötig, mich zuvor einzubeziehen. Drei Wochen soll das dauern. Heute ist der zweite Tag.

Sie steht in der Tür, als gehöre sie nicht hierher, als wäre schon der Raum zu viel für sie. Menschen wie sie bitten nicht um Platz, sie hoffen nur, nicht aufzufallen. Ich wende mich langsam um, achte darauf, die Schultern straff zu halten, das Sakko sitzt tadellos, man kleidet sich schließlich für sich selbst.

„Es ist neun Uhr zwei, Hannah.“

Ich hätte es auch übergehen können. Tue ich aber nicht, denn Gewohnheiten sind das Letzte, was mir geblieben ist. Meine Stimme hallt von den kühlen Steinwänden wider, ein kleiner Trost gegen die Wärme, die draußen schon früh zwischen den Häusern hängt. „Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige. Oder in diesem Fall: derer, die das Privileg haben, die Geschichte zu hüten.“

Sie steht vor mir in einer hellen Jeans und einer locker sitzenden, hellblauen Bluse, das lange blonde Haar fällt weich auf die Schultern, die Hände tief in den Taschen vergraben, der Blick auf den Boden gerichtet, als könnte sie darin verschwinden.

„Entschuldigung“, murmelt sie. „Der Bus war …“

„Der Bus“, sage ich und zögere kurz, „interessiert sich nicht für Geschichte.“ Beim ersten Schritt auf sie zu bemerke ich, wie sie unbewusst zurückweicht, und ein kleiner Stich fährt mir durch die Brust. Ich halte inne. Offenbar wirke ich unfreiwillig größer und einschüchternder auf sie, als mir lieb ist.

„Was uns heute interessiert, sind diese Kisten dort drüben. Die Programme und Fotos der fünfziger Jahre müssen katalogisiert werden. Gehen Sie mit Bedacht vor, das ist nicht nur Papier.“

Ein kurzes, fahriges Nicken ist ihre einzige Antwort. Auf halbem Weg zu ihrem Tisch hält sie inne, ihr Blick bleibt an der Schneiderpuppe hängen, die ich erst vorhin zurechtgerückt habe. Der schwere Brokatmantel mit dem goldenen Besatz aus dem Jahr 1969 scheint sie magisch anzuziehen. Ich beobachte sie aus dem Augenwinkel, wie sie näher an die Puppe herantritt, bis sie den Stoff fast mit der Nasenspitze berühren kann, und wie sie in diesem Moment mich vergisst, den Raum vergisst. Ganz langsam hebt sie die Hand, die Finger zittern ein wenig, aber als sie den steifen Brokat berührt, ist ihre Bewegung von einer erstaunlichen Zärtlichkeit. Sie streicht nicht einfach nur darüber, sie liest den Stoff, als wäre er Blindenschrift.

„Das ist ein … ein handgewebter Seidenbrokat, oder?“, flüstert sie, fast mehr zu sich selbst als zu mir.

Ich drehe mich langsam zu ihr um. „Ein geschultes Auge, Hannah. Ja. Er wurde damals extra aus einer Weberei in Lyon kommen lassen, eine Sonderanfertigung.“

„Die Nähte …“, murmelt sie und beugt sich tiefer, um den Ärmelansatz zu studieren. „Man sieht kaum, wo der Rapport ansetzt. Das ist meisterhaft gearbeitet. Heute würde man so einen schweren Fall des Stoffes kaum noch hinbekommen, ohne dass es steif wirkt. Aber hier lebt er noch.“

Sie zieht die Hand schnell zurück, erschrocken über ihren eigenen Wagemut, und ihr Blick huscht kurz zu mir, voller Entschuldigung. „Entschuldigung. Ich achte auf so was.“

„Ein Kostüm ist die zweite Haut des Schauspielers, Hannah“, antworte ich, und meine Stimme klingt weicher, als ich es beabsichtigt hatte. Ich habe lange niemanden mehr so über Stoff sprechen hören. „Wenn die Naht nicht stimmt, stimmt auch der Charakter nicht. Sie scheinen etwas von diesem Handwerk zu verstehen.“

Ein flüchtiges, fast schmerzliches Lächeln huscht über ihr Gesicht. „Ich wäre jetzt eigentlich …“ Sie bricht ab und schüttelt den Kopf. „Es ist wunderschön, Herr Böhmke. Wirklich.“ Dann geht sie zu ihrem Platz, wo der Stapel grauer Archivkartons auf sie wartet, setzt sich, und ich sehe, wie ihre Schultern sinken, sobald sie glaubt, dass ich nicht mehr hinsehe.

Langsam zieht sie einen Stapel Fotografien aus der Kiste und berührt das Papier vorsichtig, als könne es in ihren Fingern zerfallen. Einen Moment lang betrachtet sie ein Bild, eine junge Schauspielerin in einem ausladenden Kleid der fünfziger Jahre, das Kinn erhoben, der Blick direkt in die Kamera. Ein leises Seufzen entweicht ihr, fast verschluckt vom Surren der Röhren.

Ich setze mich, schlage die Beine übereinander und öffne das große Bestandsbuch. Eigentlich müsste ich arbeiten, doch das leise, rhythmische Rascheln ihrer Finger auf dem Papier lenkt mich ab. Es klingt nach Angst.

Nach einer Stunde, das Wasser im Kocher ist längst fertig, unterbreche ich das Schweigen. „Hannah?“, sage ich, ohne aufzusehen.

Sie zuckt zusammen, als wäre ein Schuss gefallen. „Ja?“

„Machen wir eine Pause.“

Sie sieht erschrocken auf. „Oh, bin ich zu langsam?“

„Nein.“ Ich lächle, und diesmal meine ich es so. „Es ist alles gut.“ Ich deute auf den Platz gegenüber meines Schreibtischs. „Kommen Sie. Setzen Sie sich zu mir.“

Hannah zieht sich einen alten Holzstuhl heran. Die Luft riecht nach Papier und ein wenig nach der Pfeife, die mein Vorgänger vor zwanzig Jahren geraucht hat. Ich stehe langsam auf, mein Rücken knackt leise, ein Gruß meiner fünfundsiebzig Jahre, den ich ignoriere, und hole vorsichtig die guten Porzellantassen mit dem Goldrand aus dem Schrank. „Nach so viel Schwarz-Weiß-Fotografie braucht man einen Schluck heißen Earl Grey, um die Farben zurückzuholen.“

„Ich trinke eigentlich keinen Tee“, gesteht sie unsicher.

„Dann probieren Sie ihn als Medizin gegen den Archivstaub“, erwidere ich lächelnd und stelle ihr die Tasse hin. „Mich würde mal interessieren, warum Sie sich gerade das Theaterarchiv für Ihr Praktikum gewählt haben. Ein junger Mensch wie Sie, kurz vor dem Abitur, den zieht es doch eher in die Welt hinaus als in einen Keller voller alter Papiere.“

Sie umschließt die Tasse mit beiden Händen, verbarrikadiert sich förmlich hinter dem Porzellan. „Eigentlich wollte ich gar nicht hierher“, gesteht sie leise. „Das Praktikum war ursprünglich für Januar geplant, und da hatte ich bereits einen Platz hier im Theater, in der Schneiderei. Ich will im Herbst mit einer Ausbildung zur Maßschneiderin starten. Ich liebe es, wie Stoffe fallen, wie man aus einer Skizze etwas Dreidimensionales schafft.“ Ein kurzes Leuchten tritt in ihre Augen, wenn sie von den Stoffen spricht, ein Feuer, das ich bisher nicht bei ihr gesehen habe.

„Aber dann kam alles anders“, fährt sie fort, und der Glanz erlischt wieder. „Die Schule hat den Termin verschoben, in den Juni. Aber im Juni ist das Atelier oben schon in der Sommerpause.“ Sie blickt auf ihre Turnschuhe. „Und dann hatte ich nur noch eine Wahl, entweder das Archiv hier im Theater oder eine Metzgerei. So bin ich hier unten gelandet.“ Ein bitteres Lächeln umspielt ihre Lippen. „Vom Traumkleid zum Aktenstaub.“ Sie zuckt mit den Schultern.

Ich sehe sie einen Moment an, anders als noch vor einer Stunde. „Staub heißt, dass etwas geblieben ist. Meistens jedenfalls. Und vergessen Sie nicht, Hannah: Jedes dieser Kostüme da hinten hat einmal als einfacher Stoffballen angefangen. Manchmal muss man auch erst die Geschichte eines Kleides verstehen, bevor man selbst eines nähen kann.“

Vorsichtig nippt sie an ihrem Tee. „Herr Böhmke“, zögert sie. „Haben Sie eigentlich schon immer hier unten im Archiv gearbeitet?“

Die Wärme der Tasse in meinen Händen tut gut. „Nein, Hannah. Bevor ich der Hüter dieser Schätze wurde, habe ich sie selbst mit erschaffen. Über fünfzig Jahre stand ich dort oben auf der Bühne.“

Ihre Augen werden groß. „Sie? Sie waren Schauspieler? Ein richtiger?“

Ein leises Lachen entkommt mir. „Ein richtiger, mit Lampenfieber, Applaus und allem, was dazugehört. Ich war der König Lear, der stolze Held und der sterbende Narr“, sage ich, und ein kurzes Bild der Scheinwerfer blitzt in mir auf. „Ich habe den Applaus geliebt. Er wirkt wie eine Droge. Man fühlt sich unbesiegbar, wenn tausend Menschen gleichzeitig den Atem anhalten, nur weil man eine Pause macht.“

„Und warum“, sie sucht nach den richtigen Worten, „sind Sie dann jetzt hier unten?“

Ich lehne mich zurück und sehe hinauf zu den kleinen Kellerfenstern, durch die man nur die Füße der Passanten vorbeiziehen sieht. „Weil das Licht irgendwann verblasst, Hannah. Die Rollen wurden kleiner, die jungen Gesichter kamen nach. Mein Stolz war damals mein größter Feind, ich wollte nicht den Diener spielen, nachdem ich der König gewesen war. Also habe ich mir mein eigenes Reich gesucht.“ Ich deute auf die endlosen Regalreihen. „Hier unten bin ich immer noch der Hüter. Und ich habe gelernt, dass man nicht im Scheinwerferlicht stehen muss, um wichtig zu sein.“

Es gibt einen Namen, den ich ihr an diesem ersten Tag noch nicht nenne, weil er zu schwer wiegt für einen zweiten Praktikumstag. Aber er ist da, in meiner Brust, während ich rede, und er drängt sich vor: Werther. Man hatte mir die Rolle einmal angeboten, kurz nach meinem Erfolg als Hamlet, in einem Sommer, der mir heute vorkommt wie das Leben eines anderen Mannes. Der Intendant war damals besessen von der Idee, er sagte, ich hätte die Melancholie des Prinzen, aber das Feuer eines Werthers, und drei Wochen lang habe ich mit dem Text geschlafen, wortwörtlich, das Skript unter dem Kopfkissen, weil ich Angst hatte, seine Sätze könnten mir im Schlaf entwischen, wenn ich sie nicht festhielt. Nach der ersten Leseprobe habe ich das Skript zurückgegeben. Ich habe damals gesagt, es sei die Sprache, zu viel Gefühl, zu wenig Distanz zwischen mir und der Figur. Das war eine Lüge, die ich mir selbst so oft erzählt habe, dass ich sie fast glaubte. Die Wahrheit ist einfacher und unangenehmer: Ich hatte Angst, dass mich diese Rolle etwas kosten würde, das ich nicht zurückbekomme, wenn ... 

 

ENDE DER LESEPROBE

Wie es mit Arthur, Hannah und dem Geheimnis um Werther weitergeht, erfährst du in "Löwe" – meiner großen Sternzeichen-Romanreihe. Ab 1. Oktober auf Amazon erhältlich.

 

Was, glaubst du, verbirgt sich hinter Arthurs Geheimnis? Schreib mir deine Vermutung gerne in die Kommentare oder per DM auf Instagram – ich bin gespannt!

 

Ich freue mich auf dich! Marea

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